Trauma und Beziehung gehören eng zusammen. Oft wird bei diesem Thema zuerst an Paarbeziehungen gedacht. Doch genau hier setzt diese Podcastfolge mit Verena König an: Traumafolgen zeigen sich nicht nur in romantischen Beziehungen, sondern auf ganz unterschiedlichen Beziehungsebenen. In der Beziehung zu anderen Menschen, in Arbeitsbeziehungen, in der Beziehung zum eigenen Körper, zur eigenen Vergangenheit, zu den eigenen Symptomen und sogar in der Beziehung zur Zukunft.
Damit öffnet diese Folge einen wichtigen Blick: Wer über Trauma und Beziehung spricht, sollte Beziehung nicht zu eng fassen. Denn viele Betroffene erleben nicht nur Schwierigkeiten in Nähe und Partnerschaft, sondern auch in Selbstkontakt, Vertrauen, Verbundenheit und im Gefühl, überhaupt sicher in der Welt zu sein.
Wir sind Beziehungswesen
Ein zentraler Gedanke ist, dass wir Menschen Beziehungswesen sind. Wir können nicht einfach unabhängig von Bindung existieren. Gerade darin liegt aber auch eine besondere Verletzlichkeit. Denn wir brauchen andere Menschen, besonders in unseren frühen Jahren. Wenn diese frühen Beziehungen Sicherheit, Halt und Verlässlichkeit vermitteln, kann sich ein flexibles Bindungserleben entwickeln. Dann wird Nähe möglich, ohne dass sie sofort mit Angst verbunden ist, und Autonomie fühlt sich nicht an wie Verlassenheit.
Wenn jedoch frühe Beziehungen von Unsicherheit, Abwertung, Angst oder Schmerz geprägt sind, kann sich das Bindungssystem nicht frei und flexibel entfalten. Dann entstehen Muster, die später oft als „Problem“ erlebt werden, ursprünglich aber sehr sinnvolle Anpassungen waren. Genau diesen Zusammenhang von Trauma und Beziehung arbeitet Verena König in der Folge sehr anschaulich heraus.
Das Bindungssystem zwischen Überaktivierung und Deaktivierung
In der Podcastfolge beschreibt Verena einen Blick auf den Menschen, der sowohl das Nervensystem als auch das Bindungssystem einbezieht. Dabei unterscheidet sie zwischen einem eher überaktivierten und einem eher deaktivierten Bindungssystem. Ähnlich wie beim Nervensystem kann es also mehr in Richtung Übererregung oder mehr in Richtung Abschaltung gehen.
Ein überaktiviertes Bindungssystem zeigt sich häufig darin, dass Menschen sehr stark auf andere ausgerichtet sind. Sie spüren kleinste Veränderungen, versuchen sich anzupassen, wollen es richtig machen und geraten schnell in Stress, wenn Bindung unsicher wird. Sie sind dann stark beim Gegenüber und verlieren sich leicht selbst aus dem Blick. Nähe ist zwar wichtig, gleichzeitig aber auch mit Anspannung verbunden.
Ein deaktiviertes Bindungssystem kann sich eher als Rückzug, Beziehungslosigkeit, Scheinautonomie oder tiefe Einsamkeit zeigen. Menschen wirken dann vielleicht unabhängig und unberührt, innerlich kann aber eine große Abgetrenntheit oder Sehnsucht nach Verbindung bestehen. Distanz wird zum Schutz vor dem Stress, den Bindung einmal bedeutet hat.
Wichtig ist dabei: Diese Unterscheidung soll keine Schublade sein. Es geht nicht um starre Kategorien, sondern um Orientierung. Menschen können sich in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich erleben. Jemand kann im beruflichen Kontext sehr zugänglich und sicher wirken und sich im privaten Bereich stark zurückziehen, sobald Beziehungen verbindlicher oder intimer werden. Trauma und Beziehung lassen sich also nicht auf ein einfaches Label reduzieren.
Beziehungsmuster sind oft intelligente Anpassungsleistungen
Ein besonders wichtiger Aspekt ist auch der Blick auf den guten Grund hinter bestimmten Mustern. Statt sich vorschnell als bindungsgestört, falsch oder kaputt zu erleben, lädt die Folge dazu ein, Beziehungsmuster als intelligente Anpassungsleistungen zu verstehen. Wer sich stark anpasst, wer klammert, kontrolliert, sich zurückzieht oder abschaltet, tut das nicht grundlos. Oft hat das System genau so gelernt, mit Unsicherheit umzugehen.
Diese Perspektive kann enorm entlastend sein. Denn sie verschiebt den Fokus weg von Selbstverurteilung und hin zu Verstehen. Nicht im Sinne von Schönreden, sondern im Sinne von Einordnung. Viele Reaktionen ergeben Sinn, wenn man versteht, unter welchen Bedingungen sie entstanden sind. Gerade beim Thema Trauma und Beziehung ist das entscheidend, weil so viel Scham und Selbstzweifel an Beziehungserfahrungen hängen.
Wenn Bindung und Gefahr zusammenfallen
Gerade bei sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend kann eine schmerzhafte Ambivalenz entstehen: Da ist jemand, zu dem eigentlich Bindung besteht oder bestehen muss, und gleichzeitig ist genau diese Person bedrohlich oder gewaltvoll. Dann fallen Nähe, Abhängigkeit, Schmerz und Angst auf hochkomplexe Weise zusammen.
Von außen wird das oft nicht verstanden. Viele fragen sich, wie es sein kann, dass Betroffene auch Bindung, Loyalität oder sogar Liebe empfinden gegenüber Menschen, die ihnen Schlimmes angetan haben. In der Folge wird deutlich: Genau das ist eine Fähigkeit unseres sozialen und komplexen Innenlebens. Das Bindungssystem ist darauf ausgerichtet, Bindung aufrechtzuerhalten, selbst unter hochbelastenden Bedingungen. Gerade für Kinder ist das eine Überlebensleistung.
Diese Ambivalenz ist für viele Betroffene zusätzlich mit Scham verbunden. Manche schämen sich nicht nur für das, was ihnen passiert ist, sondern auch dafür, dass sie Täter oder Täterinnen innerlich schützen, Kontakt halten oder widersprüchliche Gefühle empfinden. Verena ordnet diese inneren Konflikte nicht als Schwäche ein, sondern als Ausdruck einer hochintelligenten Anpassung, die dem psychischen Überleben diente.
Trauma und Beziehung verstehen heißt auch, Verbundenheit neu zu denken
Ein weiterer zentraler Gedanke ist, dass Traumafolgen oft mit einem Verlust von Sicherheit und Verbundenheit einhergehen. Viele Menschen erleben sich als abgeschnitten, einsam oder innerlich nicht wirklich verbunden, selbst wenn sie objektiv in Beziehungen leben. Genau dieses Nichtspüren von Verbundenheit beschreibt Verena König als tiefen Schmerz vieler Betroffener.
Im Zusammenhang von Trauma und Beziehung wird damit deutlich: Es geht nicht nur um Konflikte oder schwierige Partnerschaften. Es geht auch um die Frage, ob sich Beziehung überhaupt sicher, lebendig und innerlich erreichbar anfühlt. Wer viel Dissoziation, Rückzug oder depressive Untererregung kennt, erlebt oft genau diese Unverbundenheit, zu anderen und zu sich selbst.
Was helfen kann: Bewusstheit, Werte und sichere Menschen
Die Folge bleibt nicht beim Verstehen stehen, sondern fragt auch: Was hilft? Ein erster wichtiger Schritt ist Wissen. Modelle und Hintergrundwissen können dabei helfen, Verhaltensmuster und Beziehungsdynamiken anders zu betrachten. Darauf aufbauend wird Selbstbeobachtung möglich: Wie reagiere ich in Beziehung? Wo verliere ich mich? Wo ziehe ich mich zurück? Was löst Stress in mir aus?
Verena spricht außerdem darüber, wie wichtig ein innerer Wertekompass ist. Viele Menschen haben durch frühe Erfahrungen eine hohe Toleranz für Respektlosigkeit, Abwertung oder Grenzverletzungen entwickelt, weil genau das normalisiert wurde. Sich bewusst zu machen, welche Werte in Beziehungen für einen selbst gelten sollen, kann ein entscheidender Schritt sein. Was brauche ich, damit sich eine Beziehung für mich stimmig und sicher anfühlt? Was möchte ich nicht länger hinnehmen?
Darüber hinaus reden wir über den Begriff des sicheren Menschen. Gemeint ist ein Mensch, der würdigt, respektiert, nichts Böses will, Grenzen achtet, verlässlich ist und Verantwortung für das eigene Verhalten übernimmt. Nicht als perfektes Ideal, sondern als Orientierung. Einerseits kann das helfen, andere klarer wahrzunehmen. Andererseits lädt es auch dazu ein, selbst mehr und mehr ein sicherer Mensch zu werden, für andere und für sich selbst.
Trauma und Beziehung: Verstehen als Anfang von Veränderung
Die Podcastfolge macht deutlich, dass Heilung oft dort beginnt, wo wir unsere Muster nicht länger nur bekämpfen, sondern verstehen lernen. Nicht alles muss sofort vergeben, aufgelöst oder verändert werden. Aber es kann ein wichtiger Wendepunkt sein, zu erkennen: Meine Reaktionen haben einen Hintergrund. Mein Verhalten hat Gründe. Und vieles von dem, was heute belastet, war einmal ein Versuch, mich zu schützen.
Wer sich mit Trauma und Beziehung beschäftigt, findet in dieser Folge deshalb nicht nur Fachwissen, sondern auch eine sehr menschliche und entlastende Perspektive auf Bindung, Ambivalenz, Schutzstrategien und Verbundenheit.
Wenn du tiefer einsteigen möchtest, hör gern in die Podcastfolge rein.
Wir wünschen euch viel Inspiration beim Hören.
Deine Mai & das Survivor Queen Team 💛
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