Mentale Ersthilfe Dr. Stefanie Schöler (Arbeitsschutz-Universum) Frau lächelt in Kamera

Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz: Warum es mentale Ersthelfer braucht

Trauma-Podcast

⚠️ Content Note: In diesem Artikel geht es auch um Suizidalität und Suizidgedanken.

Key Takeaways

Seit 2013 muss dein Arbeitgeber gesetzlich auch deine Psyche schützen – nicht nur deinen Körper. Verankert ist das im Arbeitsschutzgesetz, Paragraf 5.6.

Psychische Erkrankungen sind Platz 3 der Krankheitstage in Deutschland. Jeder fünfte Mensch hatte oder hat eine Depression.

Mentale Ersthelfende sind das psychische Pendant zu Erste-Hilfe-Kursen. Sie erkennen, wenn es jemandem nicht gut geht. Mentale Ersthelfer sprechen an. Sie vermitteln weiter.

Über Suizidgedanken zu sprechen, rettet Leben. In Deutschland sterben jährlich rund 10.000 Menschen durch Suizid – dreimal so viele wie im Straßenverkehr.

Ein Notfallkoffer für deine Psyche gehört in guten Zeiten gepackt – nicht erst, wenn der Sturm da ist.

Im Survivor Queen Podcast spreche ich mit Dr. Stefanie Schöler vom Arbeitsschutz-Universum über psychische Gesundheit am Arbeitsplatz – und darüber, warum mentale Ersthelfende kein Nice-to-have sind, sondern dringend gebraucht werden. Stefanie ist promovierte Psychologin und macht dieses Thema seit Jahren groß. Was sie erzählt, hat mich gleichzeitig erschüttert und hoffnungsvoll gemacht.


Was Arbeitgeber leisten müssen – und warum das fast niemand weiß

Stahlkappenschuhe. Helm. Schild „Bitte Handlauf benutzen“. So sieht Arbeitsschutz für die meisten von uns aus.

Aber: Seit 2013 steht im Arbeitsschutzgesetz, Paragraf 5.6, ein Satz, der alles verändert. Dein Arbeitgeber muss auch auf deine psychische Gesundheit am Arbeitsplatz achten. Nicht nur darauf, dass du dir nicht den Knöchel brichst. Sondern auch darauf, dass dein Nervensystem nicht in Daueralarm rutscht.

Konkret heißt das: Ergonomie, Licht, Lärm und Temperatur sind nur ein Teil des Pakets. Aber eben auch deine Arbeitszeit, dein Arbeitsinhalt, ob du über- oder unterfordert bist. Und wie die sozialen Beziehungen sind. Wie laufen Kommunikation und Kooperation mit Kolleg*innen und Vorgesetzten? Sind sie eine Ressource für dich – oder ein Stressor?

Was ist eine psychische Gefährdungsbeurteilung?

Das Werkzeug dafür heißt psychische Gefährdungsbeurteilung. Klingt sperrig, ist aber im Kern ein liebevoller Kreislauf:

1. Ressourcen und Risiken anschauen

2. Gemeinsam Maßnahmen ableiten.

3. Maßnahmen umsetzen.

4. Prüfen, ob sie wirken.

5. Wieder von vorn.

Stefanie betont: Das ist kein Wisch, der in einem Ordner verschwindet. Es ist ein Instrument der Organisationsentwicklung. Eine Einladung an alle Beteiligten zu fragen: „Was läuft bei uns gut – und was wollen wir besser machen?“

Etwa 50 Prozent der deutschen Unternehmen haben so etwas heute. Die andere Hälfte noch nicht. Wenn du in deinem Unternehmen merkst, dass es viele Krankheitstage wegen psychischer Belastung gibt, viele Überlastungsanzeigen oder spürbar Burnout-Fälle, ist das ein Signal. Du musst das nicht allein einfordern – das geht oft sanfter über Personalabteilung, Mitarbeitendenvertretung oder die Sicherheitsfachkraft.

Mentale Ersthelfer: das psychische Pendant zur stabilen Seitenlage

Den Erste-Hilfe-Kurs kennen die meisten von uns – Beatmungspuppe, Stayin‘ Alive, stabile Seitenlage.

Mentale Ersthelfer machen genau das – nur eine Etage höher, im psychischen Bereich. Sie:

– erkennen, dass es jemandem nicht gut geht,

– gehen proaktiv zu der Person hin,

– fragen liebevoll und konkret nach,

– bieten Unterstützung an,

– vermitteln an professionelle Hilfe weiter.

Sie sind keine Therapeut*innen und stellen keine Diagnosen. Ersthelfer opfern sich nicht auf. Sie sind informierte Lai*innen, die sich trauen, hinzusehen. Aber sie bieten eine große Unterstützung für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz.

In der Ausbildung lernen sie, was bei den drei häufigsten psychischen Erkrankungen passiert: Depression, Angsterkrankungen, Suchterkrankungen. Sie lernen, wie sie ein Gespräch beginnen, ohne reinzugrätschen. Sie lernen, dass es Zeit braucht. Dass ein Gespräch oft der erste von vielen Schritten ist.

Über Suizid sprechen – statt schweigen

Diese Zahlen haben mich nicht losgelassen:

300 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr durch Arbeitsunfälle.

3.000 durch Verkehrsunfälle.

10.000 durch Suizid.

Das sind dreimal so viele Suizide wie Verkehrstote. Und auf jede dieser 10.000 Todesfälle kommen mindestens 100.000 Suizidversuche.

Wenn jemand dir gegenüber andeutet, lebensmüde Gedanken zu haben – auch nur leise, nebenbei, in einem Halbsatz auf einer Familienfeier – dann ist die wichtigste Frage nicht: „Aber du würdest das doch nicht wirklich tun?“ Sondern: „Hast du gerade lebensmüde Gedanken? Wie konkret sind die schon?“

Ein mentaler Ersthelfender weiß, dass diese Frage nicht Suizidgedanken auslöst – sondern oft das Erste, was Erleichterung bringt.

Du bist nicht allein. Es ist kein Zeichen von Schwäche, Hilfe zu brauchen. Und es ist auch kein Zeichen von Schwäche, sich nicht zu trauen, jemanden anzusprechen – sondern es zu lernen ist eine Stärke, die wir alle ausbauen können.

Notfallkoffer für deine Psyche: pack ihn jetzt

Stefanies vielleicht wichtigster Tipp am Ende der Folge:

„Wenn es dir schlecht geht, ist es fast schon zu spät, einen Notfallkoffer zu packen. Tu es in guten Zeiten.“

Frag dich heute, wenn du diese Zeilen liest:

– Wer sind die zwei oder drei Menschen, die du auch nachts anrufen darfst?

– Hast du Hotlines gespeicheert, die im Notfall für dich da sind?

– Welche Übung holt dich am schnellsten zurück ins Hier und Jetzt?

– Welche Musik, welcher Geruch, welches Bild beruhigt dein Nervensystem?

– Wer in deinem Umfeld weiß, was dir gut tut – und kann dir helfen, wenn du es selbst nicht kanst?

Schreib es auf. Häng es an den Kühlschrank. Pack es auf einen Notfallzettel. Unsere SQS-Übungen zur Selbstregulation gehören für viele aus unserer Community auch in den Koffer rein.

Und KI?

Am Ende der Folge sprechen Stefanie und ich auch über Künstliche Intelligenz und mentale Gesundheit. Unser Fazit: Eine große Chance – mit klugen Grenzen.

KI kann nachts da sein, wenn niemand sonst da ist. Sie kann ruhig durch eine Übung leiten. Sie kann zwischen Therapiesitzungen halten. Aber KI kann nicht deinen Therapieprozess ersetzen. Sie kann nicht vollständig sicher mit deinen sehr persönlichen Daten umgehen. Und sie kann nicht einen echten Menschen ersetzen.

Nutze sie achtsam und bewusst – wie wir früher an das Internet verangeführt wurden. Mit Bedacht. Mit Bewusstsein.Und dann bietet sie tolle Chancen.

Wir wünschen euch viel Inspiration beim Hören.

Wie immer: Pass gut auf dich auf.

Deine Mai & das Survivor Queen Team 💛


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Links zu Stefanie: 

https://arbeitsschutz-universum.de/

https://mentaler-ersthelfer.de

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