PTBS und Migration: Warum Diagnosen in kollektivistische Kulturen anders verstanden werden können

Trauma-Podcast

– Die diagnostischen Kriterien für PTBS stammen ursprünglich aus den USA und Europa und wurden in die ganze Welt exportiert, oft ohne kulturelle Anpassung. In einer kollektivistischen Kultur können diese Kriterien zudem anders wahrgenommen oder bewertet werden.

– „Asiatisch“ wird im Alltag meist nur mit ostasiatischen Merkmalen gleichgesetzt, obwohl der Kontinent viel größer ist. Lisa nutzt den Begriff bewusst auch als Selbstbezeichnung.

Viele Eltern der ersten Migrationsgeneration leben mit dem Wissensstand ihrer Auswanderungszeit weiter und können das Konzept PTBS dadurch oft nicht einordnen.

– Eine Diagnose ist kein festes Etikett, sondern ein Aushandlungsprozess, der sich je nach Umfeld verändert.

Kultursensible Therapie und Forschung aus eigener Betroffenheit heraus sind kein Kompromiss, sondern oft ein wichtiger Weg zu wirklichem Verständnis.

Auf meinem Handy erschien der Aufruf in einem Gruppenchat: „Seid ihr asiatisch und habt ihr eine PTBS-Diagnose? Wärt ihr bereit, für meine Masterarbeit ein Interview zu machen?“ Ich saß da und dachte: “Japp, das bin dann wohl ich…”

So habe ich Lisa Tiede kennengelernt. Sie hat an der Uni Wien ihre Masterarbeit geschrieben, mit dem Titel: PTBS bei asiatischen Migrant:innen der zweiten Generation. Eine qualitative Untersuchung kultureller Verständnisse und diagnostischer Prozesse. Ich war eine der Personen, die Lisa für ihre Arbeit interviewt hat. Und als die Arbeit abgegeben war, habe ich sie eingeladen, uns ihre Ergebnisse zu präsentieren.


Was heißt eigentlich „asiatisch“?

Bevor wir überhaupt bei der PTBS ankommen, mussten wir erst einmal klären, wer mit „asiatisch“ eigentlich gemeint ist.

Lange Zeit wurde darunter fast ausschließlich ostasiatisch verstanden, vor allem China, Vietnam und Korea. Menschen aus Kirgisistan oder der Türkei zählen geografisch genauso zu Asien, werden im Alltag aber selten mitgedacht.

Lisa hat sich bewusst dafür entschieden, „asiatisch“ auch als Selbstbezeichnung zu verstehen: Wer sich selbst als asiatisch versteht, ist gemeint, unabhängig vom Aussehen. Für ihre Forschungsgruppe war das Kriterium, dass mindestens ein Elternteil auf dem Kontinent Asien geboren wurde. Alles andere, welches Land genau, welche Prägung, welches Aussehen, hat sie bewusst offengelassen.

PTBS-Diagnose machtkritisch betrachtet

Die PTBS-Diagnose, wie wir sie aus dem ICD kennen, wurde vor allem in den USA und in Europa entwickelt und erforscht. Anschließend wurde sie in die ganze Welt exportiert, teils implementiert, teils gar nicht. Die Frage, die sich Lisa in ihrer Arbeit gestellt hat:

Wer sagt eigentlich, dass diese Diagnose eins zu eins in jedem kulturellen Kontext genauso funktioniert?

Das betrifft nicht nur PTBS. Ich erlebe das auch in meiner eigenen Arbeit: Eine Klientin mit vietnamesischem Hintergrund hat die Diagnose weiblicher Narzissmus bekommen. Die Leitkriterien: Selbstaufgabe für andere, die eigenen Bedürfnisse zurückstellen, bis man irgendwann explodiert… 

In einer kollektivistischen Gesellschaft sind das aber Eigenschaften, die aktiv gefördert und erwartet werden. Wenn wir das konsequent zu Ende denken, wäre der Großteil der Menschen in Vietnam nach dieser Deutung weiblich narzisstisch. Und da merken wir: Hier stimmt etwas an der Übertragungsleistung nicht.

Die kulturelle Konserve der Elterngeneration

Einer der Momente, die mich beim Aufnehmen am meisten berührt haben: Lisa beschreibt, dass viele Eltern der ersten Migrationsgeneration mit dem Wissensstand aus ihrer Auswanderungszeit weiterleben, in einer Art kulturellen Konserve. Sie haben die Sprache, die Werte, die Konzepte von damals mitgenommen und sind in Deutschland oder Österreich nicht im gleichen Tempo mitgewachsen wie ihre Familie im Herkunftsland.

Das Konzept PTBS existiert für viele dieser Eltern schlicht nicht. Wenn ihre Kinder dann versuchen, darüber zu sprechen, kommt oft eine Reaktion wie: „Wie kannst du krank sein? Dir geht es hier doch viel besser als in unserem Heimatland. Wir haben so viel dafür getan, dass du hier sein kannst.“

Das ist keine böse Absicht.

Es ist eine Sprachlosigkeit, die durch Migration entsteht, zusätzlich zu der Sprachlosigkeit, die viele Familien ohnehin schon beim Thema psychische Gesundheit haben.

Eine Diagnose ist verhandelbar

Wie jemand zur eigenen PTBS-Diagnose steht, ist kein festes Ergebnis, sondern ein Aushandlungsprozess, der sich je nach Umfeld verändert. In der Familie wird die Diagnose vielleicht verschwiegen oder als Depression übersetzt, um überhaupt verstanden zu werden. Im medizinischen Kontext wird sie oft zunächst als belastend erlebt und danach als befreiend, weil sie endlich Zugang zu Ressourcen wie Therapie schafft.

Das heißt nicht, dass jemand in der einen Situation „faked“ und in der anderen „echt“ ist. Wie stark sich Symptome zeigen, hängt davon ab, wie sicher wir uns gerade fühlen und wie viel wir uns in diesem Moment erlauben können zu zeigen. Das ist eine kluge Anpassungsleistung, kein Faken oder Simulieren.

Warum wir mehr kultursensible Therapie brauchen

Ich erlebe in meiner eigenen Arbeit immer öfter, dass Menschen sich ganz bewusst für mich als Therapeutin entscheiden, weil sie sich zehn bis zwanzig Minuten Erklärungsarbeit sparen wollen. Weil sie wissen: Hier muss ich nicht erst erklären, warum meine Familie so tickt, wie sie tickt.

Das ist auch der Grund, warum Lisa in ihrer Arbeit auf den Model Minority Mythos eingeht: die Vorstellung, asiatische Migrant:innen seien besonders gut integriert und würden daher weniger Rassismus erleben. Auch positive Vorurteile bleiben Vorurteile, und sie verdecken, dass reale Diskriminierung trotzdem stattfindet.

Aus eigener Betroffenheit heraus forschen

Am Ende unseres Gesprächs über kollektivistische Kultur kamen Lisa und ich auf einen Punkt, der mir besonders wichtig ist: die Frage, ob man zu einem Thema forschen darf, von dem man selbst betroffen ist. Früher wäre die Antwort in der Wissenschaft klar Nein gewesen. Heute sehen wir zunehmend: Wenn nicht wir, wer dann? Aus der eigenen Lebenserfahrung heraus entstehen die Hypothesen, die eigentlich untersucht werden müssten.

Lisas Arbeit ist genau das: eine sehr persönliche Reise, die trotzdem wissenschaftlicher Klarheit standhält.

Wenn du tiefer einsteigen willst, findest du hier Lisas komplette Masterarbeit: https://ubdata.univie.ac.at/AC17826522.

Wie immer: Pass gut auf dich auf.

Deine Mai & das Survivor Queen Team 💛


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